VIELE GESCHICHTEN ERZÄHLEN DIE GROSSE GESCHICHTE

"Migrants, Arrivals, Residents", a cycle of paintings C.P.Seibt

   Zu jedem besonderen Ereignis in Ihrem Leben kennen Sie eine Geschichte. Diese Geschichte ist einzigartig, genau wie Sie selbst. Sie haben sie geschrieben. Sie haben sie erlebt. Sie ist ein Teil Ihres Lebens. Alle Ihre Geschichten zusammen erzählen Ihr Leben. Sind Ihr Leben.

   Und genau so leben wir seit jeher. Alle grossen Entdeckungen, Erfindungen, Änderungen begannen mit einer neuen Geschichte. Dann wurde die Geschichte wahr gemacht. Danach wurde sie gemeinsame Wirklichkeit.

   Eines Morgens

   vor etwa fünf Millionen Jahren kletterte Jemand durch die Bäume. Ungefähr dort, wo heute Äthiopien ist. Jemand kletternd gut geschützt vor Feinden. Überall  hingen Früchte, praktischerweise. Allerdings wurden die Bäume in letzter Zeit durch Hitze und Trockenheit immer weniger. Was erst störend war und dann tödlich bedrohlich wurde. Also liess sich Jemand auf den Boden fallen, probeweise. Viel sah man da nicht mehr, keine Übersicht, keine Weitsicht. Gefährlich. Und an die Früchte kam man auch nicht ran. „Und was passiert, wenn ich aufstehe? Und weglaufe? Was dann?“
So fing Jemand eine neue Geschichte an. Sie wissen, wie die Geschichte weiterging, bis zu Ihnen.

   Dieses ICH-ERZÄHLE-EINE-GESCHICHTE-UND-DANN-MACH-ICH-SIE-WAHR funktionierte so gut, dass Jemand dabeiblieb und dann wir alle auch.

   Millionen Jahre später

   erfand ein Jemand eine verrückte, neue Geschichte, in der man Tiere mit sich nahm und dadurch leichter überleben konnte: Die Nomaden begannen ihre Wanderung.

   Noch eine Million Jahre später

   erzählte Jemand die verrückte neue Geschichte, in der Menschen nicht mehr herumliefen, sondern sich hinsetzten. Und drum herum alles wuchs und lebte, was sie zum Überleben brauchten: Die ersten Niederlassungen in Mesepotanien wurden gebaut.

   Schon ungefähr vierzehntausend Jahre später

   sah jemand einen Film mit einer noch verückteren brandneuen  Geschichte, in der Raumschiffe zu einem Wiener Walzer um den Mond tanzten, in bewegte Bilder guckten und mit diesen sprachen: Dieser Jemand nannte sich Steve Jobs. Glückwunsch zu Ihrem neuen Smartphone übrigens. 

   Genau heute

wandelt sich unsere Welt wie nie zuvor. Jeden Tag erneut. Der Wandel erfasste längst alles und alle. Und die Millionen von Flüchtlingen, Migranten und Angekommenen beschleunigen den Wandel immer schneller. Mit jedem Schritt. Mit Millionen von Schritten.

   Viele Geschichten erzählen die Grosse Geschichte.

   Die Geschichte einer Krise, die uns alle erfasst hat, ängstlich macht, klein – und bald untauglich, zu überleben?

   Oder die Geschichte einer atemberaubend grossen Chance, die wir genau jetzt bekommen, wo wir sie dringend brauchen? Die wir brauchen, um uns, unsere Kultur, unser Überleben zu erneuern?

Hoppla: So, durch Menschen, die wandern, zuwandern, Migranten, haben wir schon immer überlebt. Dauernd wanderten wenige, viele, kleine und riesige Gruppen von Menschen zu ihrem Horizont. Dorthin, wo sie leben wollten.

   War das immer eine reine Freude, pure Harmonie? Ach was. Das konfrontierte die, die schon da waren, mit neuen Ideen, neuen Rezepten, neuen Tricks, neuen Werkzeugen, neuem Denken, neuem Hoffen – mit jeder Menge neue Geschichten aus denen noch neuerte Geschichten wurden.

   Und diejenige, die kamen, lernten all das kennen, was schon da war. Was für eine Mischung: fremd und vertraut, gewohnt und neu, einfach und kompliziert, neugierig und altgierig, attraktiv und abweisend, oft viel klüger, manchmal rechthaberisch – sinnlich und intellektuell, also höchst alltagstauglich, überlebensstark, lebendig.

Die Mischung von Jemands entwickelte, schuf gemeinsam Neues und bewahrte so das Beste der bisherigen Kultur. Und integrierte das Beste der neuen Kultur.

   Wer die Neuen, das Neue, das bisher Fremde schützte, der schützte die eigene Kultur.

 

   Hier, jetzt, beginnen wir, einfach, vorläufig. Gerade genug, damit es anfängt.

   Was wir von Ihnen erhoffen? Ihre Geschichte. Klein oder gross. Alltäglich oder ungewöhnlich. In Worten, als Bilder, Töne, Videos, die Ihre Geschichte erzählen, plaudernd, tanzend, als Installationen – alles zu der Grossen Geschichte ist willkommen, solange wir es hier hochladen können.

(Und solange es so respektvoll ist, wie das alle Geschichten aller Menschen verdienen.)

   Und was bekommen alle dafür?

   vIelleicht nicht sofort den FriedensNobelPreis. Wahrscheinlich auch keine Aktien von Googler oder sonstwie Millionen von Dollars.

  

 

   Aber Leben.

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