Maria und Enrico

Bei der abschließenden Durchsicht meiner Geschichte fällt uns auf, dass ich, in der Absicht eine Geschichte zu erzählen, zwei daraus gemacht habe. Meine Berater, Sylvia und Lydia meinen, ich solle mich entscheiden. Habe ich gemacht. Ich lasse sie so, wie sie ist. Dann sind es eben zwei. Ich hoffe die Beiden können mir verzeihen und ihr seid ebenso nachsichtig.


Im Jahr 2000 unternahm ich mit einer Freundin eine längere Reise ins Land meiner Sehnsucht Peru. Sie hatte mich überzeugt, entgegen meinem Naturell, ohne jegliche Vorbuchungen von Hotels und Reisemöglichkeiten das Land und dessen Menschen kennenzulernen. Nur die grobe Route war vereinbart: Lima- Pisco – Nazca – Arequipa – Titicacasee – Cuzco – Machu Picchu. Sechs Wochen. Um es vorwegzunehmen, es war wundervoll.


Aber das ist nicht die Geschichte. Meine Geschichte beginnt in Chemnitz, 6 Wochen zuvor.


Eine Konferenz der Baubranche, Geschäftsfreunde unter sich. In den Pausen Small Talk. Ich erwähnte, was ich vorhatte.

„Ein gefährliches Land, viel Kriminalität. Pass gut auf. Hoffentlich kommst du unversehrt zurück. Bist du sicher, dahin zu wollen?“ Dies und anderes gaben sie mir mit. Ich wollte noch wissen, ob sie aus eigener Erfahrung sprechen. Keiner von ihnen war je in dem Land.


Auf der Rückfahrt nach Hause nahm ich einen jungen Anhalter mit. Student, lange Haare, zerrissene Jeans, zerknittertes T-Shirt, unrasiert. Enrico. Irgendwann wollte er wissen, was ich im Urlaub mache. Ich erzählte es ihm.

„Sehr schön. Freu dich drauf. Ich sage dir, es wird wundervoll.“ Ich wollte wissen, wieso er das meint. „Weil ich gerade von dort komme. 3 Monate war ich im Land unterwegs, mit Rucksack, Bussen und Bahn, so wie ihr das vorhabt.“ Wir tauschten unsere Telefonnummern für den Fall der Fälle.


Nach Lima und Pisco war unsere dritte Station in Peru Nazca. Die Linien und Geoglyphen wollte ich unbedingt sehen und überfliegen. Wir stiegen aus dem Bus und ich wusste noch nicht, was das Leben in diesem Moment Besonderes für mich bereithielt. Nein, es waren nicht die Stifte und Süßigkeiten die wir für die wartenden Kinder bereithielten. Es war auch nicht ihr dankbares Lächeln, es war die Frage mit der alles begann. „Where do you come from?“


„Ah, Maria. From Germany. Maria Reiche.“ Wir schauten uns ratlos an. Keine Ahnung. Nie gehört. Und mehr brachten wir aus den Kindern auch nicht heraus. Damals hatten wir keine Smartphones oder Tablets und Wlan überall. Die Notiz Maria Reiche nahm im Kopf Platz. Thema für zu Hause.


Dort, nach der wunderbaren Reise angekommen, wussten wir, wer Maria war. Die höhere Lehramtsprüfung legte sie 1928 in Dresden in den Fächern Mathematik, Physik, Philosophie, Pädagogik und Geografie ab. Dorthin, nach Dresden hatten uns die Recherchen zu Hause geführt. Zum Verein "Dr. Maria Reiche - Linien und Figuren der Nazca-Kultur in Peru" an der Hochschule in Dresden. Dort lernten wir Dietrich Schulze kennen. Vorstand im Verein. Jahrgang 1925. Als Ingenieur für Elektrotechnik hat er jahrelang den Aufbau deutscher Chemieanlagen in aller Welt begleitet. Auch in Peru. 1979 besuchte er zum ersten Mal Nazca und lernte Maria Reiche kennen. In den folgenden Jahren kam er immer wieder und besuchte sie. Er wurde zu einem engen Freund Maria Reiches, und betreute den Nachlass der 1998 gestorbenen Forscherin. 


Und dieser Nachlass befand sich im Obergeschoß, in mehreren Zimmern seines Einfamilienhauses in Baden- Württemberg. Dorthin lud er uns ein. Und wir tauchten ein in das Leben von Maria. Tief. Sehr tief. Ich glaube nicht, dass man tiefer in das Leben eines fremden Menschen eintauchen kann, als wir es taten. Es war beeindruckend, faszinierend, bewegend und endete mit unendlicher Hochachtung für diese Frau.


Ich hielt fast alle ihrer etwa 1000 Briefe in den Händen und durfte sie in den folgenden Monaten lesen. Ihre primitiven Messinstrumente, die akribischen Zeichnungen, handschriftliche Notizen.

Briefe an ihre Familie in Deutschland, den Gedankenaustausch mit ihrer Schwester Renate. Ihre Berichte über den Besuch der spanischen Königin bei ihr in der Wüste und ihre Einschätzung zu den Gedanken von Erich von Däniken. Ihre Bitten bei der Peruanischen Luftwaffe um Unterstützung durch einen Helikopter und anderes Fluggerät. Ich las über ihre Freude über einen gesponserten Fotoapparat für ihre Arbeit.


Maria berichtete mir über die Vorbereitungen zu ihren ersten Luftbildern der Linien und Geoglyphen. Ja, die Frau kam tatsächlich auf die Idee, sich an die Kufen eines Helikopters binden zu lassen und von dort die ersten Bilder zu schießen.


Monatelang musste sie sich jeden Tag aufs Neue eine Mitfahrgelegenheit als Tramperin suchen, um die 20 Kilometer vom Ort Nazca bis zu den Bodenzeichnungen in der Wüste zu überwinden. Später zog sie in die Wüste und verbrachte dort insgesamt 24 Jahre in einer bescheidenen Hütte aus Lehmziegeln mit einem Dach aus Palmenblättern. Ihr Leben schilderte sie unter anderem so: "Für mich und die Mäuse war es eine aufregende Zeit. Einmal habe ich in einer Nacht 18 Mäuse in der Falle gefangen. Sie taten mir leid. Dass sie mein Brot fraßen, hätte ich ihnen noch verziehen, dass sie meine Zeichnungen fraßen, das konnte ich ihnen dann doch nicht verzeihen.“


Maria Reiche. Sie ist meine Geschichte. Meine Begegnung mit ihr. Drei Jahre nach ihrem Tod.


Maria Reiche. Wer war das? Kurz.

Im Jahr 1922 schreibt Maria Reiche sich an der Technischen Hochschule Dresden ein.

Die höhere Lehramtsprüfung legt sie 1928 ab. Aber Maria erhält nur immer wieder Aushilfeanstellungen. Außerdem beginnt in Deutschland der Nationalsozialismus Einzug zu halten, den sie als böses Omen erahnt. Da kommt das Stellengesuch des deutschen Konsuls in Cusco nach einer Hauslehrerin gerade recht. Zwei Jahre bleibt Maria Reiche dort.

Dann geht sie in die Hauptstadt Lima, wo sie sich anfangs ihren Lebensunterhalt mit Deutsch- und Englischstunden, Gymnastikunterricht und Massagen verdient. Später wird Maria auch mit der Übersetzung wissenschaftlicher Texte beauftragt. Im Museo de Arqueología in Lima präpariert sie Leichentücher von Mumien. Nebenbei hilft sie im Café einer Freundin aus, wo sich viele Ausländer, Professoren, Studenten und Geschäftsleute treffen. 1941 lernt sie dort den Amerikaner Dr. Paul Kosok kennen - ein Spezialist für antike Bewässerungssysteme. Im Dezember 1941 reist Maria das erste Mal nach Nazca. Dr. Kosok hatte sie gebeten, sich die seltsamen, schnurgeraden, linienförmigen Vertiefungen in der Wüste anzusehen. Kosok vermutet, dass es sich um eine astronomische Kalenderanlage handelt.


Erst lachten die Bewohner von Nazca über die „Gringa“, die die Wüste fegt. Denn behutsam reinigt Maria mit einem Besen die Zeichnungen vom Staub. Als aber der touristische Aufschwung kommt, wird die Doctora Reiche bald wie eine Heilige verehrt. Im Jahre 1955 ist es ihr Verdienst, der verhindert, dass in der Wüste von Nazca ein Bewässerungssystem gebaut wird. Sie nutzt 1970 den in Lima stattfindenden Amerikanistenkongress, um ihr Anliegen, den Schutz der Bodenzeichnungen, vorzubringen. Und forscht weiter und weiter und weiter.


Erst ab 1995 werden die Linien von Nasca endlich unter den Schutz der UNESCO gestellt.


Am Ende ihres Schaffens erhält Maria Reiche fünfmal die Ehrendoktorwürde und die höchsten Auszeichnungen der peruanischen Regierung sowie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. Die peruanische Staatsbürgerschaft wird ihr ehrenhalber verliehen, da sie die deutsche nie abgelegt hat.

Nach ihrem Tod erhält sie ein peruanisches Staatsbegräbnis.


Im Jahr 2002 hatte ich einen geschäftlichen Termin bei dem damaligen Dresdner Oberbürgermeister. Danach wollte ich von ihm wissen, ob der Name Maria Reiche ihm ein Begriff sei. Er antwortete: „Nein. Aber so, wie sie mich anschauen, habe ich das Gefühl, es wäre besser für mich, die Dame zu kennen.“ Ich bestätigte ihm sein Gefühl und erzählte von ihr. Er hatte noch nie von ihr und ihrer Geschichte gehört.


Am 30. Oktober des Jahres 2005 feierten wir die Einweihung der "Maria- Reiche- Straße" in Dresden-Klotzsche.


Es ist eine lange Geschichte geworden und doch habe ich das Gefühl diese Frau nicht ausreichend beschrieben zu haben. Wem es genauso geht, dem kann ich das Buch „Bilderbuch der Wüste“ von den Autoren Viola Zetzsche und Dietrich Schulze unbedingt empfehlen. Das Buch entstand im Anschluss an unser gemeinsames Studium von Maria Reiches Korrespondenz. Es soll Mut machen, auch in schwierigen Phasen nie den Glauben an die eigenen Stärken zu verlieren und sich wach zu halten, für ein selbstbestimmtes Leben.


Und zum Schluss: Meine Geschäftsfreunde aus Chemnitz, sie erinnern sich? Konferenz der Baubranche. Pausensmalltalk über Urlaub. All sie sind längst Schall und Rauch. Uninformierte Ignoranten.


Geblieben ist mir bis heute der Student mit den langen Haaren, zerrissenen Jeans, zerknitterten T-Shirt. Unrasiert.

Danke, Enrico! mein Freund!

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